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Schmeckt und seht, wie freundlich unser Gott ist!“ (Psalm 34,9)

Konzeption der ev. Martini-Gemeinde, Siegen

Eine Kirche, eine Gemeinde ohne Vision geht zugrunde. Davon sind wir überzeugt und arbeiten deshalb dafür, Mut machend und beispielgebend gemeindliches Miteinander zu leben. Die Grundlage unseres Handelns in der Martini-Kirchengemeinde Siegen ist die leidenschaftliche Menschenfreundlichkeit Gottes. „Schmeckt und seht, wie freundlich unser Gott ist!“ (Psalm 34,9). Diese Menschenfreundlichkeit Gottes wollen wir mit unserer Arbeit als Ev. Kirche in der Innenstadt Siegens hörbar, spürbar und erlebbar werden lassen.

Die befreiende und Orientierung gebende biblische Botschaft des ersten und zweiten Testaments ist dabei Basis unseres theologischen Denkens und Handelns wie auch das reformierte Bekenntnis. Das Wesentliche des reformierten Bekenntnisses liegt in der ausdrücklichen Betonung der Verbindung zwischen Christengemeinde und Bürgergemeinde, d.h. die Christengemeinde ist immer Teil der Bürgergemeinde, an deren Wohl interessiert und somit auch in der Verantwortung, sich politisch und gesellschaftlich einzumischen und zu engagieren.
Die Verantwortung für und die Verbundenheit mit Israel gehören zur wesentlichen theologischen Grundlage unserer Gemeinde. Dies wird konkret in der Verkündigung und der ungebrochenen Solidarität mit dem jüdischen Volk.

So sind wir Gemeinde auf dem Weg mit anderen zu anderen, auf dem Weg zur Geschwisterlichkeit, Anteilnahme, Solidarität. Dabei wissen wir uns gestärkt durch die Verheißungen Jesu, wie sie in den Seligpreisungen der Bergpredigt überliefert sind, den Verheißungen für die Barmherzigen und Sanftmütigen und Friedfertigen und nach Gerechtigkeit Hungernden (Mt. 5,1ff).

Diese theologischen Grundlagen prägen sowohl das Miteinander von Haupt- und Ehrenamtlichen als auch den Arbeits- und Kommunikationsstil unserer Gemeinde. Transparenz und Teilhabe, ein Miteinander auf Augenhöhe und persönliche Wertschätzung sind grundlegende Prinzipien unseres Gemeindeverständnisses. Verlässliche Teamarbeit wird als große Bereicherung erlebt.

Wir wollen Räume schaffen, in denen Menschen einander begegnen können, so wie sie sind, in denen sie aufatmen können, in denen Lebensfreude gelebt wird, in denen frei und offen gesprochen werden kann von dem, was bewegt und umtreibt, in denen diskutiert und entwickelt wird, was für eine bessere Welt im Sinne Gottes notwendig zu tun ist. Es sollen Räume sein, die sich wohltuend unterscheiden vom Alltäglichen und die doch offen sind für die Welt und heilsam in sie hineinwirken.

Durch unterschiedliche Schwerpunkte schaffen wir solche Räume:

In unseren unterschiedlichen Gottesdiensten lassen wir die Menschenfreundlichkeit Gottes lebendig werden. Menschen finden dort Raum für eigene Gedanken, Trost und Kraft und Halt in der Begegnung mit Gemeinde.

Die Seelsorge, schwerpunktmäßig durch Pfarrer und Pfarrerin wahrgenommen, begleitet Menschen in besonderen persönlichen Lebenssituationen hilfreich und stärkend.

Der besondere Raum der historischen Martini-Kirche ermöglicht Aufatmen, zur Ruhe Kommen, die Erfahrung von geborgenem Aufgehobensein in den hier stattfindenden Gottesdiensten, Konzerten, Trauerfeiern…

Die Kinder- und Jugendarbeit, durch den Jugenddiakon und unsere Kindertagesstätte pädagogisch hoch qualifiziert durchgeführt, und durch unser besonderes Konfirmandenunterrichtsmodell profiliert, ermöglicht Kindern, Jugendlichen und Eltern die Erfahrung von Angenommen- und Begleitetsein zu erleben..

Die große Kirchenmusik, durch unseren Kantor, durch Bach-Chor und Bach-Orchester vertreten, bietet Dimensionen der Verkündigung, des Trostes und der Stärkung, die Worte nicht herstellen können.

Das neue Mehrgenerationenzentrum soll ein Ort sein, von dem aus die Generationen über die familiären Strukturen hinaus in hilfreichen und bereichernden Kontakt miteinander gebracht werden.

Weltweite Ökumene spiegelt sich für uns in der Partnerschaft mit Tansania wider. Durch den Kontakt auf Augenhöhe zu Menschen in unserer Partnergemeinde Mailimoja nehmen wir die Welt in den Blick und werden offen für neue Perspektiven sowie andere Lebenssituationen und Kulturen. 

Unsere gesellschaftliche und politische Verantwortung nehmen wir u.a. im Politischen Nachtgebet und im Friedensgebet wahr. Monat für Monat wird dabei die Welt in den Fokus gerückt und es wird die Lebenssituation von Menschen bedacht und ins Gebet genommen, die in unerträglichen Armutsverhältnissen leben müssen. Daraus erwachsen Konsequenzen für unseren Lebensstil als Gemeinde hin zu mehr Gerechtigkeit und zum Teilen.

Die Bewahrung der Schöpfung ist für uns als Aufgabe in all unserem Handeln präsent. Neben der Herausforderung, das Handeln in der Gemeinde ökologisch sinnvoll und nachhaltig zu gestalten, ist es uns wichtig, die Wahrnehmung unserer gemeinsamen Verantwortung auch nachfolgenden Generationen zu vermitteln. Dies geschieht u.a. in ökologischen Arbeitskreisen im Rahmen unserer Kinder- und Jugendarbeit.

So möchte die Martini-Kirchengemeinde für die Menschen in unserer oft verwirrenden und unüber-sichtlichen Zeit eine Art Zufluchtsort und Herberge sein, die das Leben stabilisieren und sinnvoll zu gestalten hilft.

Leitsätze

Unsere Gemeinde ist ein einladender und offener Ort, an dem die Botschaft von der leidenschaftlichen Menschenfreundlichkeit Gottes erlebbar gemacht wird.
Wir leben und erleben diese Menschenfreundlichkeit in der Begegnung mit anderen Menschen, zwischen Generationen, mit kritischen Geistern und Andersdenkenden. Die Menschenfreundlichkeit Gottes gibt uns Ermutigung und Halt. Unsere Gemeinde bietet uns eine befreiende Atmosphäre und Wertschätzung. Sie ist der Ort, an dem wir die befreiende biblische Botschaft hören und leben können, an dem wir loben und klagen können und unsere Freude, aber auch Trauer Raum finden.

Unsere Gemeinde ist ein Ort mit sozialer, politischer und seelsorglicher Verantwortung.
Gesellschaftliche Verantwortung hat Gott uns durch Jesus vorleben lassen.

Wir folgen seinem Wort, indem wir ausgegrenzten Menschen eine Stimme geben und uns für Arme stark machen. Wir wollen Menschen ermutigen, herausfordern und ihnen Impulse geben. Zugleich bedeutet die Verantwortung für uns, dass wir Menschen begleiten und ihnen Orientierung bieten. Wir leben unsere Verantwortung auch durch unsere professionelle hauptamtliche Jugendarbeit, durch Ökumene vor Ort und durch Kontakte zu Menschen in anderen Teilen der Welt oder Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften. Dazu gehören auch Kooperationen mit anderen kirchlichen und gesellschaftlichen Gruppierungen, wie z.B. die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, die Gustav-Heinemann-Friedensgesellschaft, der Verein ALTERAktiv e.V., das Diakonische Werk, die Universität Siegen sowie unterschiedliche Umweltverbände.

Unsere Gemeinde ist Teil des kulturellen Lebens in der Region.
Kultur hat seit jeher ihren Platz in der Vermittlung des christlichen Menschenbildes. Sie lässt uns Menschen erreichen, zu denen andere Zugänge verwehrt wären. Unsere kulturelle Verantwortung spiegelt sich vor allem in der professionellen hauptamtlichen Kirchenmusik wider. Auch unser historisches Kirchengebäude, das wir als Raum der Andacht und des Gottesdienstes wie auch als Ort der Kunst und der Geschichte erlebbar machen, ist ein wichtiger Bestandteil unserer kulturellen Verantwortung. Wir nutzen ihn zur Aufführung der großen Werke der Kirchenmusik, um diese durch die Generationen weiterzugeben und als etablierten Ort für Impuls gebende Kunstprojekte, die zur Auseinandersetzung herausfordern.


Das Leitbild in seiner konkreten Umsetzung

Die formulierten Leitsätze bieten uns in allen Bereichen unserer Arbeit Orientierung. So ist die Gemeinde Ort der Begegnung für die verschiedensten Menschen. Zuvorderst zu nennen ist hier der Gottesdienst, der Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Hintergründe im Feiern und Loben vereint und Ermutigung für den Alltag gibt. Spezielle Angebote wie Kinder- und Familien- sowie Kantatengottesdienste sprechen gezielt Menschen an und laden sie ein, die befreiende biblische Botschaft gemeinsam zu erfahren.

Grundlegende Haltung hinter allen gemeindlichen Aktivitäten ist die Wertschätzung Anderer. Sie soll alle Angebote und Kontakte tragen. Seelsorgliche Gespräche und Besuche durch Haupt- und Ehrenamtliche geben Halt und Gelegenheit zur gemeinsamen Freude, aber auch zur Trauer. Die befreiende Atmosphäre wird erlebbar in der Verkündigung der biblischen Botschaft und bei der Beschäftigung mit theologischen Themen in Gottesdiensten, in Gemeindegruppen und bei Themenabenden bzw. Gemeindeseminaren.

In unseren Veranstaltungen bieten wir Raum für Auseinandersetzungen und damit auch die Chance zur Annäherung für Kritikerinnen, Kritiker und Andersdenkende. Besonders deutlich wird dies in unserer Offenen Jugendarbeit, die niemanden von vorne herein aufgrund gesetzter Kriterien ausschließt, oder im Konzept der offenen Kirche, das allen Interessierten Gelegenheit gibt, unseren historischen Kirchenraum zu besuchen und als Ort der Stille, der Besinnung, des Gebetes oder des Austausches zu erleben. Diese Offenheit zeigt sich auch in der Nutzung unserer Kirche für Trauerfeiern, Vortragsveranstaltungen oder Konzerte unterschiedlichster Musikrichtungen:

Konkrete Ziele für die nächsten Jahre

Oberstes Ziel für die nächsten Jahre muss für alle Bereiche des gemeindlichen Lebens und unserer Arbeit in der Gemeinde auch weiterhin die Orientierung an unseren Leitsätzen sein. Offenheit, gelebte und erlebte Menschenfreundlichkeit Gottes, die Übernahme sozialer, politischer und nicht zuletzt seelsorglicher Verantwortung sowie die Gestaltung kulturellen Lebens sollen Grundmaxime unseres Handelns sein.

Konkret bedeutet dies die Weiterführung unserer Angebote für unsere Gemeindeglieder und alle Interessierten. Besonders am Herzen liegt uns dabei die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, die wir durch die Kindertagesstätte,  unsere offene Jugendarbeit mit all seinen Angeboten und das besondere Konzept für die Konfirmandinnen und Konfirmanden fördern und weiterentwickeln.

Weiteres Augenmerk liegt auf dem Bereich der Kirchenmusik, die das Evangelium in besonderer Weise zu den Menschen bringt. Hier steht unser Kantor für hohe Qualität in Kantatengottesdiensten, die regelmäßig viele Menschen auch über unsere Gemeinde hinaus erreichen, mit dem Bach-Chor (ca. 120 Mitglieder) und dem Bach-Orchester.

Wir möchten als Gemeinde unterschiedliche Menschen einladen, durch unsere Angebote an der Menschenfreundlichkeit Gottes teilzuhaben. Daher gibt es Angebote, die sich an bestimmte Altersgruppen richten. Für Ältere sind dies z.B. der Montagstreff, die Frauenhilfe, der Frauenkreis, der Rosterberger Frühstückstreff oder die Arbeit im Fritz-Fries-Seniorenzentrum mit Gesprächskreis, Gottesdiensten etc. Für Alt und Jung gemeinsam bieten wir z.B. eine spezielle Kreativgruppe an. Neben spezifischen Angeboten für Eltern und Kinder (z.B. dem Spielkreis und der Jungschar-Arbeit) oder Frauen (Martini für Frauen oder Frühstückstreff der Frauen) finden sich offene Angebote u. a. in der Tansania-Partnerschaftsarbeit, in Gitarrenkreisen, dem Martini-Treff oder der AG Feministische Theologie.

Wichtiger Bestandteil der zukünftigen Arbeit wird die Konzentration auf ein neues Projekt zur Bündelung unserer Ziele sein – das Mehrgenerationenzentrum. Hier soll der einladende Charakter unserer Gemeinde täglich erlebbar sein, sollen Begegnungen ermöglicht und der Austausch der Generationen untereinander gefördert werden. Konkret bedeutet dies, die Einrichtung eines Besuchsdienstes, in dessen Rahmen Menschen ausgebildet und begleitet werden. Zudem soll es eine Ehrenamt-Börse geben, in die Menschen sich mit ihren Fähigkeiten und Interessen einbringen können, um sich gegenseitig zu unterstützen. Ein offener Café-Bereich soll als Ort der Begegnung eingerichtet werden.

Für den gemeinsamen Weg in die Zukunft ist es uns wichtig, weiterhin auch gezielt junge Menschen anzusprechen. Spezielle Gottesdienste, die für diese Altersgruppen attraktiv sein könnten, sollen im Rahmen der regionalen Jugendarbeit konzipiert und durchgeführt werden. Unsere Gemeinde wird sich dafür in der Ausarbeitung der Konzeption für die regionale Jugendarbeit einsetzen.

2012 soll diskutiert werden, ob zusätzlich Gemeindefreizeiten angeboten werden sollen. Um Menschen Gelegenheit zu bieten, sich mit den Grundlagen unseres Glaubens auseinander zu setzen, soll bereits 2010 eine zweite thematische Reihe in unser Gemeindeangebot aufgenommen werden. Sie soll von theologischen Fachkräften ehrenamtlich gestaltet und durchgeführt werden.

Auch in der Tageseinrichtung für Kinder sollen religiöse Inhalte eine wichtige Rolle spielen. Von theologisch hauptamtlicher Seite wird es in Zusammenarbeit mit den dort Beschäftigten  Überlegungen geben, in welchem Rahmen und Umfang dies geschehen könnte. In Zeiten knapper werdender finanzieller Mittel wird es immer schwieriger, unser differenziertes Angebot für Gemeindemitglieder und Interessierte aller Altersstufen zu realisieren. Deshalb wird ehrenamtliches Engagement immer wichtiger. Um Menschen für eine ehrenamtliche Tätigkeit in unserer Gemeinde zu gewinnen ist eine Arbeitsgruppe gebildet worden, die Ende 2009 ein Konzept vorlegen wird.

Zugleich wird im Anschluss an die Erstellung dieser Konzeption zu überprüfen sein, ob die derzeitigen Angebote weiterhin in ihrem aktuellen Umfang leistbar sein werden. Unsere soziale und politische Verantwortung nehmen wir derzeit auch im Bereich der Integrationsarbeit durch unsere Offene Jugendarbeit wahr. 

Über die inhaltlichen Ziele hinaus wird es in unserer Verantwortung liegen, die finanziellen Weichen für die Zukunft zu stellen. Im Rahmen des laufenden Haushaltssicherungskonzepts werden die Ziele für eine Sanierung des Haushalts bis 2012 formuliert und konkretisiert. 

 

Siegen, im Juni 2009                Vors. d. Presbyteriums: gez. Ute Waffenschmidt-Leng